ADHS - Warum der Phillip gar so oft zappelt

ADHS – AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung. Das ist die kinderpsychiatrisch bedeutsamste Krankheit, weil sie am häufigsten auftritt. 2 bis 5 % aller Kinder sind von dieser Problematik betroffen.

ADHS - Warum der Phillip gar so oft zappelt

ADHS - Warum der Phillip gar so oft zappelt

Die Aufmerksamkeitsstörung existiert in zwei Formen – mit und ohne Hyperaktivität. Laut Statistik sitzt in jeder Klasse zumindest ein Kind, dass daran leidet; zwei Drittel davon sind Buben. Mit beiden Symptomenkomplexen versehen ist ein klassischer ADHS-Fall unübersehbar. Betrachtet man von den ADHS-Kindern die hyperaktiven, fällt nur die Unruhe auf. In Gruppensituationen, wenn es gilt, ruhig zu sitzen, bleibt das ADHS-Kind nie bei der Sache: es zappelt, springt auf und wirkt unkonzentriert. Spielt das Kind alleine und das Spielzeug ist nicht reizvoll genug (außer ein Computerspiel) kann das Zimmer bald verwüstet erscheinen. Das Kind sucht ständig nach neuen Reizen. ADHS-Kinder sind eine besondere Herausforderung für Eltern, Geschwister, Mitschüler, Lehrer oder Therapeuten. Regeln, die für den Umgang mit gesunden Kinderngelten, sind für sie unwirksam.

Der kleinste Reiz ist willkommen
Ihre Wahrnehmung folgt nach eigenen Gesetzen, die der gesunde Mensch nicht nachvollziehen kann. Die größten Probleme gibt es in der Schule, wo ohne eine gewisse, vereinbarte Arbeitsweise kein Unterricht möglich ist. An solchen Vereinbarungen kann sich ein ADHS-Kind auch unter größtem Bemühen nicht halten, kann dem Unterrichtsgeschehen nicht folgen, da es die Reize um sich nicht ausschalten kann. Es lernt überwiegend über visuelles und gegenständliches Schauen und Begreifen. Probleme bereiten Ablenkungen jeder Form, ein Nachbar, der radiert, oder ein Bleistift, den es kratzen hört.

Schwerstarbeit für Mütter
Eben diese Schulprobleme treffen im Elternhaus Mütter, deren Nervenkostüm schon seit der Geburt strapaziert wurde. Alles was an einem Kind anstrengend ist, erleben Eltern von ADHS-Kindern in vielfacher Dosis. Mütter und alle Beteiligten sind verzweifelt.

Experten warnen, dass solche Kinder stark misshandlungsgefährdet sind. Mütter, die ohnehin schon Schwerstarbeit leisten, werden bei der Suche nach Hilfe mit Schuldzuweisungen konfrontiert. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der ganzen Familie droht. Eine Diagnose würde Klarheit und Erleichterung schaffen. Allein die Erkenntnis, bei der Erziehung gar nichts falsch gemacht zu haben, ist so tröstlich, dass die nervliche Belastung leichter zu ertragen ist.

Nicht heilbar, aber zu behandeln
Diese Krankheit ist eindeutig behandelbar. Das Problem liegt eher im Mangel an der Kenntnis über die Diagnostik. Erklärungen, dass Familienverhältnisse, wie Scheidung oder Eheprobleme, Schuld am Verhalten des Kindes seien, scheinen logisch. Solche einfachen Ursachenmodelle greifen aber stark daneben. ADHS werden nicht durch Erziehungsfehler ausgelöst, ADHS sind Störungen im Zentralnervensystem, die großteils genetisch bedingt sind. Eine Heilung ist nicht möglich, jedoch ist es möglich mit der Problematik so gut umzugehen, dass keine intensive Behandlung notwendig wäre. Dem Kind drei Aufgaben wie Wasser holen, Schlüssel aufhängen und die Katze füttern, zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt. Mitten in der ersten Tätigkeit fällt dem Kind ein, etwas Trinken zu wollen. Es ist dem Kind nicht unlogisch, beim Turmbau bei der Spitze zu beginnen. Die Familie muss den Umgang mit dem ADHS-Kind üben, um dem Kind richtige Verhaltensweisen zu erlernen. Dabei kann Impulsivität, wenn das Kind gelernt hat, mit seiner Unstrukturiertheit umzugehen, in vielen Tätigkeiten von Vorteil sein und so dem Kind bzw. späteren Erwachsenen Selbstwertgefühl bringen.

Denkbar ungünstig dagegen ist der Frontalunterricht in Klassen mit bis zu 29 Schülern. Intellektuell schafft das Kind den Unterricht leicht, jedoch die Handlungsplanung ist ungenügend. Es muss aufstehen, den Platz wechseln, im Stehen schreiben, dazwischen was kneten können. Das Schriftbild ist hässlich, oft für den Diagnostiker ein Merkmal. Auch für Lehrer ist es daher sehr wichtig, über ADHS Bescheid zu wissen. Die Schulzeit ist das Nadelöhr in der Entwicklung dieser Menschen. Beobachtungen über die Entwicklung zeigen, dass sich ADHS-Kinder vermehrt zu Managern und Unternehmern entwickeln.

3 Hauptsymptomgruppen von ADHS:

  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Impulsivität: Sie können Impulse nicht kontrollieren, jeder Wunsch muss sofort erfüllt werden, sie können in keiner Reihe warten und werden so zu Außenseitern
  • motorische Unruhe: vor allem im Vorschulalter erkennbar, das Kind ist unfallgefährdet, weil es überall „dran ist“ und kein Risiko scheut

„Struwwelpeter“ beschreibt fast alle Formen des ADHS in den verschiedenen Typen: dem hyperaktiven Zappelphillip, dem verträumten Hans-Guck-in-die-Luft, dem unbedachten Paulinchen oder dem aggressiven Wüterich.

Das Thema ADHS (AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung) hat schon durch den ersten Teil Reaktionen ausgelöst, zu denen ich im Editorial Stellung nehme. Eine sehr gute Zusammenfassung der verschiedenen Zustandsbilder finden Sie auch im Internet unter  www.hyperaktivekinder.at

Aus dem erwähntem Referat ist ein Beispiel zur Verdeutlichung sehr repräsentativ: Eine Person sitzt in der Mitte des Raumes und bekommt von einer zweiten eine Rechenaufgabe gestellt. Gleichzeitig liest eine dritte Person der ersten etwas aus einer Zeitung vor. Fünf weitere Personen stehen herum und unterhalten sich laut miteinander, während ich mit meinem Vortrag fortfahre. Na, wie fühlt sich wohl die erste Person? So in etwa muss man sich den Zustand eines ADHS-Kindes dauerhaft vorstellen!

Fehlende Neurotransmitter
ADHS kommt in der ganzen Welt in gleicher Häufigkeit vor, ist also keine Folge von gesellschaftlichen Faktoren. Diese können den Verlauf der ADHS jedoch beeinflussen. ADHS wird in großem Maße vererbt. Als Ursache diskutiert man heute einen Mangel an Kommunikation zwischen Stirnhirn und Nervenzellen im Stammhirn. Im Stirnhirn laufen Vorgänge ab, die für die Handlungsplanung verantwortlich sind, Neuronen im Stammhirn steuern unbewusste Bewegungen. Die Kommunikation ist von „Neurotransmittern“, wie Dopamin und Noradrenalin abhängig. Sie übersetzen einen Reiz von einem Neuron zum anderen, und Mangel daran führt zu den bekannten Symptomen. Diesen Mangel kann man medikamentös ersetzen. Der Stoff heißt Methylphenidat, die rezeptpflichtigen Präparate in Österreich „Ritalin“ und “Concerta”. Allerdings gibt es verschiedene Meinungen über den Einsatz dieses der Suchtgiftverordnung unterliegenden Medikaments.

Nichtbehandlung macht eher süchtig
ADHS ist eindeutig als Krankheit zu diagnostizieren und in jedem Falle zu behandeln. Man hat bei ADHS-Kindern eindeutig eine geringere Noradrenalin- und Dopaminaktivität im Gehirn gemessen und Methylphenidat hebt diesen Mangel auf. Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind von diesem Stoff süchtig wird. Das kann man nach heutigen Erfahrungswerten ausschließen. Allerdings beobachtet man eine stärkere Entwicklung von unbehandelten ADHS-Kindern zur allgemeinen Drogenabhängigkeit, vor allem zu Kokain. Da Kokain ähnliche Wirkungen zeigt, wie Methylphenidat, also eine unwillkürliche Heilung mit gefährlicheren Stoffen.

Methylphenidat gehört zur Gruppe der Weckamine („Nervenstimulantien“), die vor 15 Jahren noch als Appetitzügler im Handel waren (Regenon u.ä.) und von LKW-Fahrern zum Wachhalten benutzt wurden. Genau diese Wirkungen sind als unangenehme Nebenwirkungen zu beobachten. Schlafstörungen und Essstörungen (Appetitzügler) sind die häufigsten Nebenwirkungen, manchmal noch Herzrasen bzw. Herzklopfen. Eine gründliche Einstellung ist daher unumgänglich. Natürlich möchte man jedem Patienten Arzneimittel ersparen, deshalb sind Maßnahmen zur Unterstützung oder vielleicht sogar als Ersatz erstrebenswert.

Dass heute immer mehr ADHS-Kinder registriert werden, liegt nicht am gesteigerten Auftreten der Krankheit, sondern an der Erkenntnis, dass Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität keine Erziehungsfehler sein müssen.

Es gibt nicht viele Ärzte, die sich mit der Diagnose der ADHS (AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung) beschäftigen, aber es werden immer mehr. Das Erscheinungsbild bzw. die Symptome der ADHS werden durch arbeitsbedingten Stress und Reizüberflutung schnell den Umwelteinflüssen zugeordnet. Erziehungsfehler, Schuldzuweisungen, Beziehungsfehler scheinen genug Gründe für ein auffälliges Verhalten zu sein. Betroffene Familien verdrängen die Situation, setzen noch mehr Druck in den Erfolgswillen und das Kind bleibt immer mehr auf der Strecke. Dabei leisten diese Familien Unglaubliches. Die Diagnose ist eine Erlösung, an die sie niemals gedacht hätten, eine Fokussierung auf wesentliche Punkte, nach der dem Kind und der Umgebung das Leben wie eine Wende vorkommt.

Diagnose ist Therapie
Bei Verdacht auf ADHS ist eine exakte Diagnosestellung schon die halbe Therapie. Primaria Dr. Baumgartner vom Ambulatorium Sonnenschein in St. Pölten skizziert ihre Diagnosemethoden: Gezielte Fragen an das Kind und an mehrere Bezugspersonen sind richtungsweisend. Durch Videoanalysen beobachten dann die Eltern und auch das Kind selbst die Situation im Spiel und bei Lern- und Planungsaufgaben sowie Konfliktgesprächen. 5 Minuten ruhig sitzen ist für ein ADHS-Kind mit bis zu 180 Bewegungen verbunden.

Kind ist nicht dumm
Die Videoaufnahmen erleichtern dem kundigen Arzt die Diagnosestellung und den Eltern wird dadurch bereits klar, wie sie ihr Kind zu betrachten haben. Am Bemühen des Kindes, wieder in eine Konzentration zu kommen, den so genannten In-Out-Rhythmus, erkennt man die verborgenen Fähigkeiten. Wenn man bedenkt, wie oft ein ADHS-Kind die Aufmerksamkeit verliert und dennoch eine Leistung erbringt, die wir mit Kindern vergleichen, deren Konzentrationszeit um vieles länger dauert, müssen wir uns bewusst machen, dass dies eine außerordentliche Leistung ist. Diese positive Erkenntnis ist für Kind und Eltern wichtig – das Kind ist nicht dumm!

Beziehung zum Kind schaffen
Brauchen ADHS-Kinder mehr Einsatz der Eltern? Vielleicht! Aber bestimmt einen anderen, deren Perspektiven die Eltern ohne fachmännische Hilfe oft nicht erkennen. Für das ADHS-Kind ist es wichtig eine Beziehung zu haben. Es muss seine eigenen Fähigkeiten schätzen lernen und dazu benötigt es die Eltern. Was aber, wenn die gar nicht wissen, wann ihr Kind eine hervorragende Leistung erbracht hat? Wenn der Vater liebevoll mit seinem Sohn lernt, aber kein einziges Mal die Aufmerksamkeit willkürlich durch Lob steuert. Alle Eltern haben Angst vor einem dummen Kind und setzen sich dabei selbst unter Druck. Sie müssen lernen, ihr Kind dort abzuholen, wo es sich befindet.

Was kann man verbessern?
Lob ist der Schlüssel zu ADHS-Kindern, weil sie eigentlich nur getadelt und ermahnt werden und deswegen regelrecht hungern nach guten Worten. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Lobens besteht darin, dass Lob gute und starke Gefühle hervorruft, durch die das limbische System angeregt wird. Bei Anregung dieses Hirnbereichs, in dem unsere Gefühle “gemacht” oder verstärkt werden, können die Kinder ihre Aufmerksamkeitsstörung zumindest teilweise kompensieren und werden konzentrierter und zugänglicher. Als weitere gute Tipps gelten:

  • das Tempo der Aufmerksamkeitsfähigkeit anpassen
  • nicht durch Geschwindigkeit Druck erzeugen
  • Beziehungen schaffen

Letzteres ist schwierig für Ungeschulte, vor allem, wenn Verzweiflung vorherrscht. Der Blickkontakt des Kindes erzählt, ob es motivierbar ist oder verweigert. Wichtig ist, ob sich das Kind „zünden“ lässt für eine erneute Konzentration, wie es sich selbst einschätzt und wie es die In-Out-Rythmik steuert.

Ist der Arbeitsplatz aufgeräumt oder dient er mehr der Ablenkung? Wie strukturiert sich das Kind den Tag, die Anforderungen und seine Bedürfnisse? Es muss erkennen, dass es selbst zuständig ist für seine Aufgaben und – im erfolgreichen Fall – die Eltern um Hilfe bittet.

Tipps für Lehrer
Jede Ablenkung ist willkommen, daher ist ein Platz nahe am Lehrertisch und fern von Außenlärm ratsam. Blickkontakt, Steuerungsmöglichkeit zum Strukturieren und Loben sind wichtig, wie eben auch Hilfe bei der Strukturierung. Im Internet finden sie unter www.hyperaktivekinder.at
„Tipps für Lehrer“ – eine wirklich umfassende Information und Ratschläge für den Umgang mit ADHS.

Wohin, wenn Hilfe nötig?
Es ist wichtig, ADHS-Verdächtige nicht ohne fachliche Betreuung zu begleiten. Nehmen Sie in jedem Fall diagnostische Hilfe in Anspruch. ADHS wird immer häufiger als Diagnose gestellt, das liegt wohl auch daran, dass man immer mehr über diese Krankheit weiß. Die Anzahl der Betreuungsmöglichkeiten hinkt der Anzahl der Diagnosestellungen empfindlich nach. Ein Zusammenarbeiten aller Beteiligten, die entsprechend geschult sein sollten, ist aber schon ein wesentlicher Schritt für eine gesunde Entwicklung, der im allgemeinen sehr intelligenten Kinder.

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