Die Geschichte der Pharmazie

Seit die Menschheit existiert, hat sie mit einer Vielzahl von Krankheiten zu kämpfen. Und genauso lange ist der Mensch auf der Suche nach einer passenden Medizin, um Krankheiten zu lindern, zu heilen oder zu verhindern.

Heute sind ca. 3.000 Arzneistoffe bekannt, die zu verschiedenen Arzneimitteln kombiniert und in verschiedene Arzneiformen gebracht werden.

Wie kam es zu dieser großen Zahl von Wirkstoffen?
Es darf angenommen werden, dass sich Heilkräuter unter den angebauten Pflanzen befanden, als sich der Mensch im Neolithikum (ca. 10.000 – 7.000 v. Chr.) vom  Nahrungssammeln zum Anbau weiterentwickelte. Ob und wann ihre heilende Wirkung erkannt wurde, ist allerdings nicht bekannt. In der griechischen Antike glaubten die Menschen, dass Krankheiten Strafen der erzürnten Götter waren, die man durch Gebet, Opfer und Reinigung wieder zu besänftigen versuchte. Dennoch wurden natürliche Ursachen von Krankheiten erkannt und rationalen Heilmethoden ein hoher Wert eingeräumt. Medikamente dienten in pulverisierter Form hauptsächlich der lokalen  Anwendung. Pharmakon, ein Begriff, der heute allgemein für Medikamente gebraucht wird, bezeichnete damals Präparate, die man zur Magie, als Gift oder zur Heilung brauchte. 600 v. Chr. entwickelte sich der Asklepios-Kult. Der Legende nach war er der Sohn einer Sterblichen und des Gottes Apollon.

Heilende Tipps im Schlaf
Die Heilung bestand oft darin, dass der Kranke im meist außerhalb der Stadt gelegenen Tempel des Asklepios schlief. Im Traum erschien ihm Asklepios und gab dem  Patienten Diäten oder andere Behandlungsmethoden auf. Der Kult war eng mit der Unterwelt verbunden. In seinen Heiligtümern wurden heilige Schlangen aufbewahrt. Die  Naturphilosophen, wie Pythagoras oder Empedokles, machten um 500 v. Chr. den Versuch, allen Phänomen eher eine natürliche als eine übernatürliche Erklärung zugrunde  zu legen. Nach Empedokles setzen sich alle belebten und unbelebten Dinge aus den vier Grundelementen Wasser, Feuer, Erde und Luft zusammen. Diese Elemente verbinden sich während des Lebens und lösen ihre Einheit nach dem Tod wieder auf.

Gesund = im Gleichgewicht
Hippokrates (ca. 460 – 370 v. Chr.) vertrat die Meinung, dass sich alle Krankheitsmechanismen aus dem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle herleiten lassen. Befanden sich diese sogenannten „Humores“ (Säfte) im Gleichgewicht, so war der Körper gesund. Überschuss oder Mangel einer oder mehrerer Komponenten verursachte Krankheit. Die Hippokratische Sammlung (Corpus Hippocraticum) umfasst Schriften über viele medizinische Themen, von der Anatomie über Geburtshilfe bis zur Ethik. Diese Sammlung enthält mit größter Wahrscheinlichkeit Schriften vieler Autoren und wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. in der großen Bibliothek von Alexandria zusammengestellt. Da es heute unmöglich festzustellen ist, welche Abhandlungen ursprünglich von Hippokrates stammen, wurde es Brauch, die gesamte Sammlung als Schriften der Hippokratiker zu bezeichnen und so die Urheberschaft außer acht zu lassen. Zu dieser Zeit wurde auch erstmals zwischen Medizin und Pharmazie unterschieden.

Der erste “Apotheker”
Galenus, ein römischer Arzt griechischer Herkunft, wirkte im 1. Jahrhundert n. Chr. meist in der Hauptstadt Rom. Er hatte dort großen Erfolg, nicht zuletzt dank seiner starken Persönlichkeit. Außerdem war Galenus neben Hippokrates der einflussreichste Arzt der Antike und wohl der bedeutendste Mediziner des Römischen Altertums. Während seiner ausgedehnten Reisen nahm er das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit auf. Er führte anatomische Studien an Tieren durch und schrieb Abhandlungen über Anatomie, Physiologie, Pharmakologie, Pathologie, Therapie, Hygiene, Diät und Philosophie. Die Ansicht, dass der Sinn eines jeden Geschehens vorherbestimmt sei, führte ihn manchmal zur Verdrehung seiner Beobachtungen oder zu falschen Vermutungen über eine Organfunktion, da die Natur seiner Meinung nach einen eindeutigen Zweck voraussetze. Trotzdem erlebte die Medizin der Antike mit ihm einen zweiten Höhepunkt. Er beschäftigte sich auch mit der Wahl des richtigen Arzneimittels. Qualität und Wirkungsgrad der Arznei, sowie Temperatur des Kranken und Art des kranken Körperteils waren für ihn ausschlaggebend. Die Lagerstätte seiner vorgefertigten Tinkturen und seiner Schriften nannte er Apotheca.

Die Klöster hatten in Europa wesentlichen Anteil an der Entstehung einer organisierten Krankenversorgung. Erst im 13. Jahrhundert vollzog sich die Trennung der ärztlichen Tätigkeit und der Arzneimittelherstellung.

Im frühen christlichen Glauben war Krankheit traditionell mit der Strafe für Sünden oder mit göttlicher Ungnade gleichgesetzt, die man geduldig erleiden musste und von der man durch die Gnade Gottes geheilt werden konnte. Als der Weltuntergang wenig nahe und dadurch auch wenig sicher schien, wandte man sich wieder mehr den Problemen des täglichen Lebens zu. Dabei wurden Betrachtungen über Gesundheit und deren Störungen wieder vorrangig.

Im 4. Jahrhundert gründete der hl. Benedikt von Nursia (480 bis 550) den ersten Krankenpflegeorden im italienischen Monte Cassino – den Benediktinerorden. Er schrieb die Sorge um die Kranken in die Statuten seines Ordens mit ein. Diese zufällige Verbindung der frühchristlichen Hospitäler der Barmherzigkeit mit den sich formierenden Mönchsorden führte dazu, dass die Klöster die organisierte Krankenversorgung in Europa über mehr als 500 Jahre übernahmen.

Sie waren ein Ort der kulturellen Entwicklung, vermittelten Wissen und Bildung der griechisch- römischen Antike, sammelten, übersetzten und kopierten antike Werke.

Klöster waren ein Ort der Lehre und Forschung
Als die Benediktiner und andere Orden expandierten und sich über Europa erstreckten, stellte ein Kräutergarten, eine Bibliothek mit kopierenden Schreibern und ein  Infirmarium, in dem einem bestimmten Mönch die Pflege von schwachen, erkrankten Mitordensbrüdern oder Angehörigen auferlegt wurde, die wesentlichen Elemente eines Klosters dar.

Die Klöster waren auch ein Ort der Forschung. Der Benediktinermönch Walafried Strabo (808 bis 849) verfasste ein Lehrgedicht über 23 Arzneipflanzen und die bekannte Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) schrieb die Erkenntnisse ihrer Naturerfahrungen nieder: ,,PHYSICA" ist in 9 Bücher gegliedert. Sie handeln in 513 Kapiteln über Pflanzen, Elemente, Bäume, Steine, Fische, Vögel, Säugetiere, Reptilien und über den Ursprung der Metalle. In „CAUSAE ET CURAE“ befasste sie sich mit den Krankheiten des Menschen von Kopf bis Fuß, mit der Ernährung und Verdauung, mit den Gemütsbewegungen, mit Wachen und Schlafen, Gehen, Stehen, Reiten. Sie gab Anweisungen für eine gesunde Lebensführung.

Schule Salerne: Vorstufe der Universitäten
Nicht weit von Monte Cassino entfernt entwickelte sich unabhängig vom klösterlichen Orden die medizinische Schule Salerno. Sie entsprang aus den Wurzeln griechischer, lateinischer und islamischer Kultur und verfügte über eine umfangreiche Bibliothek mit einer beachtlichen Rezeptsammlung (mehr als 1200).

Die berühmte medizinische Schule (Blütezeit 11. bis 13. Jahrhundert) übte auf alle anderen medizinischen Fakultäten in Europa einen bedeutenden Einfluss aus und gilt als  Vorstufe heutiger Universitäten. Ihr Höhepunkt fällt in die Zeit von ca. 1100 bis etwa 1225.

Die berühmteste Arbeit der Schule Salernos ist ein lateinisches Gedicht rationaler diätetischer und hygienischer Vorschriften mit dem Namen REGIMEN SANITARIS SALERNITATUM.

Trennung von ärztlicher Tätigkeit und Arzneiherstellung
Im 13. Jahrhundert vollzog sich eine Trennung der ärztlichen Tätigkeit und der Arzneiherstellung. Anders als ausgebildete Ärzte mit ihren komplizierten Verordnungen hielten  Heilkundige sich an einfache Tränke. Mit dem Wachstum der Städte wuchs auch die Anzahl der Apotheker, die in eigener Verantwortung oder unter Anleitung von Ärzten  Medikamente bereiteten. Ihre Läden dienten bisweilen als Treffpunkt für Arzt und Patient, wurden jedoch ebenso oft zu astrologischen Konsultationen und alchimistischen Zwecken benutzt.

Die abendländische Pharmazie
Der Beginn der abendländischen Pharmazie ist auf die Gründung der Universitäten im Mittelalter (Paris um 1100, Prag 1348, Wien 1365) und auf ein Gesetzeswerk des Hohenstaufenkaisers Friedrich II – Constitutiones (1231 bis 1241) genannt – zurückzuführen. Dieser Erlass regelte erstmals das Gesundheitswesen in Europa. Die  persönliche und sachliche Trennung zwischen Arzt und Apotheker, eine behördliche Überwachung der Apotheken, eine Preisfestsetzung der Arzneimittel und eine Beschränkung der Apothekengründung auf bestimmte Orte wurden gesetzmäßig festgelegt.

Österreichs erste Apotheke wurde in Innsbruck gegründet
Die erste Apotheke Österreichs, nach den Richtlinien der Constitutiones, wurde 1303 in Innsbruck gegründet. In der Zeit des Humanismus (14. bis 16. Jahrhundert) gab es einen großen Wandel auf allen Gebieten der Wissenschaft. Von traditionellen Lehren, die bis in die Antike zurückreichten, wurde immer mehr Abstand genommen und auf eigene Erfahrungen – durch Beobachtung und Experimente – mehr Wert gelegt.

Mit der bahnbrechenden Erfindung des Buchdrucks (Gutenberg 1450) konnte das neu erworbene Wissen schnell verbreitet und ausgetauscht werden.

Mit Paracelsus hielt die Wissenschaft Einzug
Eine überragende Persönlichkeit dieser Zeit war der Schweizer Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 bis1541) – auch Paracelsus genannt. Durch sein kritisches Hinterfragen der antiken Lehre und sein Interesse an der Alchemie brachte er die Autorität seiner Zeit gegen sich auf, scharte aber im gleichen Maße junge  aufgeschlossene Studenten um sich. Er brachte chemische Substanzen (Medikamente) in die Krankenbehandlung ein.

Auch in der Botanik vollzog sich ein Übergang von der schematischen Handschriftenillustration des Mittelalters zur realistischen und leicht zu vervielfältigenden Abbildung, denn die Pharmakologie beruhte weitgehend auf Kräutern und aus Pflanzen gewonnenen Arzneien.

Bei Otto Brunsfels (1488 bis 1534) sieht man den Beginn einer Überleitung vom Mittelalter zur Moderne. Sein Herbarum vivae eicones enthielt zahlreiche naturgetreue Abbildungen verschiedenster Arzneipflanzen.

Wegen des verhältnismäßig großen Mangels an ausgebildeten und approbierten Ärzten füllten die Apotheker eine Lücke und ließen häufig einem Patienten genau die Behandlung angedeihen, zu der ein Arzt nach der Untersuchung geraten hatte. Sogar Zahnbehandlungen wurden von Apothekern durchgeführt.

Fortschritt der Chemie wichtig für die Pharmazie
Der stetige Fortschritt in der Chemie ermöglichte es im 19. Jahrhundert Medikamente in reiner Form herzustellen und ihre Wirkung auf Tier und Mensch zu erproben. Eine der bedeutendsten Errungenschaften dieser Zeit war die synthetische Herstellung von Harnstoff durch Friedrich Wöhler (1800 bis 1882).

Nach einer Studienreform im Jahr 1853 gab es erstmals ein eigenständiges Pharmaziestudium. Nach vier Lehrjahren, zwei Gehilfenjahren
und vier Semestern – zwei davon an der Philosophischen Fakultät und zwei Semester an der Medizinischen Fakultät – war man berechtigt den Beruf des Apothekers auszuüben.

1928 entdeckte Alexander Flemming das Penicillin und 1953 entschlüsselten Watson und Crick die Struktur der DNS (Träger der menschlichen Erbinformation) um nur zwei der wichtigen medizinischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zu nennen.

Was wird uns das 21. Jahrhundert bringen?
Ein wirksames Mittel gegen Krebs oder eine HIV-Schutzimpfung? Wie kann unser Gesundheitswesen in Zukunft finanziert werden?

Viele Fragen, die hoffentlich bald eine Antwort finden.

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