HIV - Leben mit Aids

Einerseits sind HIV und Aids in vielen Lebensbereichen immer noch Tabuthemen. Andererseits nimmt leider die Sorglosigkeit wieder zu und die Ansteckungsrate im heterosexuellen Bereich ist stark steigend

HIV - Leben mit Aids

HIV - Leben mit Aids

Nicht zuletzt wegen des großen Events „Life-Ball“, das einmal jährlich mit großem Pomp zelebriert wird, ist einem Grossteil der Menschen diese Krankheit zumindest in der Theorie bekannt. Leider gibt es aber immer noch sehr viele Vorurteile. Der Umgang mit der Krankheit ist immer noch vor allem auf die Betroffenen und die Pflegenden beschränkt. Vor allem nimmt aber die Sorglosigkeit zu und die Anstekkungsrate im heterosexuellen Bereich ist stark steigend.

Nicht nur die Krankheit belastet
Dank der ständigen Neuentwicklung von Medikamenten ist es gelungen, die HIV-Infektion als eine unter vielen chronischen Krankheiten zu sehen. Die Berufsfähigkeit der Betroffenen gilt als selbstverständlich. Gleichzeitig sind aber HIV und AIDS an den meisten Arbeitsplätzen ein Tabuthema.

Volle Leistungsfähigkeit wird erwartet, gleichzeitig gibt es genügend Beispiele für Sonderbehandlung und Schlechterstellung: am Versicherungssektor (z.B. Darlehen), Einreiserestriktionen, Beschränkung am Jobsektor, die einem Berufsverbot gleichkommen, Kündigungen usw. Diese Beispiele verdeutlichen, wie unter solchen Umständen – trotz physischen Wohlbefindens – die HIV Infektion zur psychischen Dauerbelastung wird.

Wenn die Medikamente der Kombinationstherapie optimal wirken, erfreut sich ein Infizierter guter Gesundheit, welche ja generell eine wichtige Basis zur Lebensgestaltung darstellt. Was Infizierte jedoch ebenso stark benötigen, worauf sie ein Recht haben, ist nicht nur der Zugang zu guter medizinischer Versorgung, sondern auch eine offene, vorurteilsfreie Umgebung, die HIV weder ignorant gegenüber steht, noch mit Ausgrenzung, Stigmatisierung, Hysterie oder Mitleid reagiert.

HIV: früher ein Todesurteil
Vor 1996, als die antiretrovirale Therapie noch nicht verfügbar war, kam die Diagnose HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung einem Todesurteil gleich. Damals stand die medizinische Fachwelt dieser Infektion nahezu ohnmächtig gegenüber. Für die Menschen, die schon mehr als 8 bis 10 Jahre oder länger mit dieser Erkrankung leben, ist der Begriff „Longterm-survivers“ geprägt worden. Dieser Begriff sagt nichts anderes aus, als dass der Betreffende das zeitgerechte Sterben an AIDS nicht eingehalten hat.

Überleben und neu beginnen
Die Lebensbedingungen für AIDS-Infizierte haben sich grundlegend geändert: aus einem Leben mit schlechter Prognose, verkürzter Lebenserwartung und mehr oder weniger deutlich realisierter Todesnähe, ist ein Leben mit geweiterter Perspektive und Versprechen auf Zukunft geworden. Dazu ein Zitat einer AIDS-kranken Frau: „Da war in der Entscheidungszeit außerdem noch das Gefühl, dass man sich jahrelang auf den baldigen Tod eingestellt hat, sich mit ihm auseinandergesetzt hat und ihn dann akzeptiert, ja angenommen hat – und dass man dann plötzlich leben könnte, sollte – und müsste. Jetzt muss ich wieder neu anfangen. Was mache ich nun mit meiner bitter erarbeiteten, ruhigen, friedlichen Todesnähe? Wie kann ich sie und vor allem die Leichtigkeit in dieses neue Leben integrieren? Eigenartig, dass Zukunft und Weiterleben nicht nur eine überfließende und bejahende Bewegung und Freude auslösen, sondern auch Angst. Die Angst, dass man die Leichtigkeit verliert und wieder in die Mühlen der kalten, leistungsorientierten und todesfernen Welt gerät.“ Martine 1997 (*)

Menschen wie Martine erfuhren den Wandel in der AIDS-Wirklichkeit am eigenen Leib. Neuinfizierte finden heute von Beginn an eine nicht so schicksalhaft geprägte Ebene vor, auf die sie ihr individuelles Leben mit der HIV-Infektion gestalten. Das heißt noch lange nicht, dass es einfacher geworden ist. Vielleicht fällt es uns jetzt leichter, diesen Menschen , die mit AIDS leben, offener gegenüber zu treten und endlich unsere Berührungsängste aufzugeben. Damit wäre für beide Seiten schon sehr viel gewonnen.

PS: Anstecken können Sie sich nur bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr und durch die Verwendung von gebrauchten Spritzen ...

(*) Zippel Stefan (Hg): Antiretrovirale Kombinationstherapie. Auswirkungen in der psychosozialen Praxis. Antworten und Fragen. München 1998

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